Forschung fördern. Wissen vertiefen. Aufklärung stärken.
Die Stiftung Über Leben unterstützt ausgewählte Forschungsprojekte, die sich wissenschaftlich fundiert mit medizinischen, ethischen und gesellschaftlichen Fragestellungen rund um die Organspende auseinandersetzen. Ziel ist es, neue Erkenntnisse zu gewinnen, bestehende Wissenslücken zu schließen und die Grundlage für eine sachliche, transparente Information zu stärken.
Im Folgenden stellen wir Ihnen die Projekte vor, die durch die Stiftung gefördert werden und einen wichtigen Beitrag zur unabhängigen Aufklärungsarbeit leisten.
Warnsignal im Gewebe – Abstoßung nach Herztransplantation früher erkennen
Eine Herztransplantation kann Leben retten – doch noch immer zählt die Abstoßung des Spenderorgans zu den größten Risiken. Aktuell wird diese oft erst entdeckt, wenn bereits schwere Gewebeschäden entstanden sind. Die Kardiopathologie des Universitätsklinikums Tübingen und die Kardiologie der Universitätsmedizin Essen identifizieren an Hand von Gewebeproben und innovativen Einzelzellanalysen Muster, die auf eine drohende Abstoßung hinweisen. Eine solche systematische Analyse mit Einzelzellansatz wird erstmals durchgeführt. „Das Projekt untersucht den Rezeptor PD-L1, der möglicherweise schon früh Veränderungen im transplantierten Herzgewebe signalisiert“, erklärt Privatdozent Dr. Lars Michel, bereichsleitender Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie und Mitglied des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation der Universitätsmedizin Essen. Die Erkenntnisse des Forschungsprojekts könnten künftig eine präzisere Überwachung ermöglichen – und die Chance erhöhen, rechtzeitig gegenzusteuern. Das Ziel: bessere Langzeitergebnisse und mehr Sicherheit für Herztransplantierte.
Spenderlungen besser nutzen: Reparatur und Prüfung durch maschinelle Perfusion
In Deutschland gibt es nicht nur zu wenige Spenderorgane – oft werden potenzielle Spenderlungen auch nicht genutzt, weil ihre Qualität schwer einzuschätzen ist. Mit ihrem Forschungsprojekt möchten die Medizinische Hochschule Hannover und die Universitätsmedizin Essen dies ändern. Mithilfe der sogenannten maschinellen Perfusion (MP) können Lungen außerhalb des Körpers mit Flüssigkeit durchspült und beatmet werden, um ihre Funktion zu prüfen oder sogar zu verbessern. Prof.Dr. Markus Kamler von der Abteilung Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie der Universitätsmedizin Essen erklärt: „So könnten auch grenzwertige oder geschädigte Lungen für Transplantationen genutzt werden.“ Besonders innovativ ist dabei der Einsatz künstlicher Sauerstoffträger (Perfluorcarbone), die eine bessere Versorgung des Gewebes ermöglichen als herkömmliche Lösungen. Das Projekt wird im Schweinemodell erprobt und untersucht dabei unter anderem die Durchblutung, Entzündungswerte und die Funktion der Zellkraftwerke (Mitochondrien). Ziel ist es, die Methode bald auch bei menschlichen Lungen anzuwenden. So könnten mehr Organe gerettet und Wartelisten verkürzt werden.
Abstoßung verhindern: Immunreaktionen nach Nierentransplantation gezielt erforschen
Die Nierentransplantation ist lebensrettend und die Hoffnung für jeden Dialysepatienten – doch es fehlen passende Spenderorgane. Ein Problem dabei ist, dass viele Nieren nach der Entnahme nicht sofort richtig funktionieren oder später vom Immunsystem abgestoßen werden. Ein möglicher Grund: Während der Lagerung und Vorbereitung der Niere werden bestimmte Botenstoffe im Organ aktiviert, sogenannte Typ-I-Interferone, die eine Entzündungsreaktion auslösen. „Mit unserem Forschungsprojekt untersuchen wir, wie genau diese Interferone entstehen, welche Signalwege beteiligt sind und wie sich ihre Wirkung auf das Transplantat auswirkt“, erklären Prof. Dr. Karl Lang vom Institut für Immunologie und Prof. Dr. Benjamin Wilde von der Klinik für Nephrologie der Universitätsmedizin Essen, die das Projekt zusammen mit der Ruhr-Universität Bochum durchführen. Dazu werden Nieren aus Mäusen und Ratten untersucht – sowohl im Labor als auch in einem Transplantationsmodell. Ziel ist es, die Immunreaktion direkt nach der Spende besser zu verstehen und neue Wege zu finden, um sie gezielt zu beeinflussen. Langfristig könnte das helfen, die Funktion von Spendernieren zu verbessern und mehr Transplantationen erfolgreich durchzuführen.
Gerechter und erfolgreicher: Künstliche Intelligenz soll die Vergabe von Spenderlebern verbessern
Bei der Vergabe von Spenderlebern in Deutschland wird aktuell nur die Dringlichkeit der Transplantation berücksichtigt – nicht aber die Erfolgsaussichten. Das Forschungsprojekt von Prof. Dr. Lale Umutlu vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie der Universitätsmedizin Essen möchte mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) ein neues Bewertungssystem entwickeln, das zusätzlich auch die individuellen Erfolgschancen berücksichtigt. Prof. Umutlu: „Ziel ist ein KI-basiertes Scoring-Modell, das die Risiko-Nutzen-Abwägung bei der Organverteilung verbessert und dadurch langfristig mehr Leben rettet.“ Dafür werden medizinische Daten großer Patientengruppen analysiert, zum Beispiel zu Alter, Begleiterkrankungen oder Gewebeeigenschaften. In das Projekt sind Kooperationspartner aus der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationsmedizin sowie des Instituts für Künstliche Intelligenz in der Medizin (IKIM) eingebunden. Die Forschenden kombinieren somit Expertise aus Transplantationsmedizin, Radiologie und KI-Forschung. Ein besonderer Fokus liegt auf der Erkennung neuer Biomarker, die auf den zu erwartenden Therapieerfolg hinweisen könnten. So soll die Entscheidung über Organvergabe nicht nur gerechter, sondern auch medizinisch fundierter werden. Das Projekt legt die Grundlage für eine präzisere, personalisierte Vergabe von Spenderorganen in der Zukunft.
Organe schützen: Wie Zellkraftwerke bei Kälte erhalten bleiben können
Ein zentrales Problem in der Transplantationsmedizin ist, dass Organe während der Lagerung vor der Transplantation Schaden nehmen – besonders die „Kraftwerke der Zelle“, die Mitochondrien, sind davon betroffen. „Das Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät der Universität Düsseldorf untersucht, wie genau sich Kaltlagerung und anschließende Wiedererwärmung auf die Ultrastruktur der Mitochondrien und dabei insbesondere auf die Einstülpungen der inneren Membran, den sogenannten Cristae, auswirken“, erklärt Dr. Björn Walter vom Institut für Physiologische Chemie der Universitätsmedizin Essen. „Diese Strukturen sind entscheidend für die Energieproduktion in Zellen und verändern sich unter Kälteeinfluss.“ Ziel ist es, die zugrundeliegenden Mechanismen besser zu verstehen, um gezielt Schutzmaßnahmen entwickeln zu können, die die Mitochondrienfunktion und damit die Organqualität erhalten. Dafür werden Versuche mit menschlichen Nierenzellen sowie mit Rattennieren durchgeführt. Analysiert werden dabei bestimmte Eiweiße (MICOS-Komplex), die für den Erhalt der Cristae-Struktur verantwortlich sind.
Mehr Lebern retten: Neue Perfusionslösung erstmals im Test an menschlichen Lebern
In der Transplantationsmedizin fehlen oft gesunde Spenderorgane, besonders bei Lebern. Um auch grenzwertige Organe besser nutzen zu können, wird im Projekt eine neue Perfusionslösung mit künstlichem Sauerstoffträger entwickelt und getestet. „Diese Lösung soll es ermöglichen, Organe länger außerhalb des Körpers zu versorgen und dabei ihre Qualität zu erhalten oder sogar zu verbessern“, erklären Prof. Dr. Arzu Özcelik von der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie und Prof. Dr. Katja Siebecke vom Institut für Physiologie der Universitätsmedizin Essen, die das Projekt in Kooperation leiten. Ziel ist es, geschädigte Lebern besser vorzubereiten, bevor sie transplantiert werden, um so die Erfolgsrate der Operationen zu erhöhen. In einem ersten Schritt wird die neue Lösung an Lebern erprobt, die nicht für eine Transplantation vorgesehen sind. Untersucht werden unter anderem die Leberfunktion, Entzündungswerte und mögliche Zellschäden. Wenn sich die Methode bewährt, könnte sie helfen, mehr Organe zu retten, die bisher unbrauchbar wären – und so Leben auf den Wartelisten retten. Gleichzeitig würde sie Transplantationen planbarer und medizinisch sicherer machen.
